| Von
Vera Zischke
"Immer,
wenn ich mit Sachen konfrontiert werde, die ich schräg finde, muss
ich darüber schreiben", sagt Jürgen Preuss. Der 64-jährige
Ratinger hat gerade mit "Der Reißwolf heult mit" seinen ersten Lyrikband
veröffentlicht, in dem er mit herrlich spitzer Feder durch das Weltgeschehen
fegt.
Dabei
nimmt er Schweres leicht (sein Kommentar zum Klonen: "Mist Käfer")
und gibt scheinbar Oberflächlichem Tiefe. Das gilt auch für Preuss'
ganz persönliche Grabinschrift für Santa Claus. Das Symbol ewiger
Nächstenliebe wird am Ende in seinem Himmelsschlitten von einem Marschflugkörper
zerfetzt. Die harte Realität zerstört den Kindertraum.
"Auch
wenn ich manchmal hart klinge, ich provoziere die Menschen eigentlich nie",
sagt Preuss. Er hat bereits drei Bücher veröffentlicht - allerdings
Gedichtbände, verfasst unter seinem Pseudonym Weinrich Weine. "Mein
Pseudonym ist kein Dogma und ich mache kein Geheimnis daraus. Es ist ein
kleiner Scherz. Zur schwereren Lyrik passt aber mein richtiger Name besser."
Jeden Tag
eine
Schlagzeile verarbeitet
Die Lyrik
von Jürgen Preuss ist im Vergleich zu den eingängigen Reimen
seines Alter Ego schwere Kost, weil sie so gar nicht geschmeidig daher
kommt. "Ich weiß, dass ich damit wohl ein anderes Publikum ansprechen
werde, weil man die Lyrik erst noch für sich interpretieren muss und
nicht so fertig serviert bekommt. Aber wer sich darauf einlässt, kann
mit Sprache ein herrliches Vergnügen haben", ist Preuss überzeugt
und zitiert mit Leidenschaft eine seiner satirischen Spitzen aus dem neuen |
Werk. Kennt er etwa
alle seiner 65 jüngst veröffentlichten Gedichte auswendig? "Leider
nein. Schade eigentlich, so eine Lesung aus dem Stegreif wäre schon
nicht schlecht", schwärmt Preuss und hat schon wieder dieses amüsierte
Glitzern in den Augen, das den Schelm im Mann verrät.
Ist
er jetzt eigentlich Vollzeit-Lyriker? "Meine Frau würde das bejahen.
Ich sage, wenn ich gerade an dem Konzept für ein Buch arbeite, ist
es wirklich ein Knochenjob. Die Texte aber entstehen Stück für
Stück". Für "Der Reißwolf heult mit" hat Preuss ein Jahr
lang jeden Tag ein Kurzgedicht geschrieben. Die Inspiration: "Ich habe
mir täglich einen Satz aus der Zeitung gegriffen, der mir besonders
skurril erschien." Das konnte eine erschreckende Nachricht aus der Weltpolitik
sein, oder auch eine absonderliche Werbebotschaft wie "Beginne zu leben
- spiele Golf".
Ein
Jahr Lyrik, das bedeutet 365 Texte. Dass am Ende 65 übrig geblieben
sind, gehört für Preuss zum selbstkritischen Schaffensprozess
dazu. "Lyrik bedeutet zu verdichten. Jedes dieser kurzen Gedichte, und
sind es nur fünf Worte, ist ein Roman."
Schon
jetzt hat der Ratinger wieder mehrere Manuskripte in petto, die in seiner
Schublade auf Vorrat liegen. Sein aktuelles Projekt: Ein lyrisch-satirisches
Theaterstück mit dem Titel "Alles in Buddha". Darin setzt sich Preuss,
selbst Buddhist, augenzwinkernd mit seiner Religion auseinander. Sein Traum
ist, eines seiner Werke bei einem der ganz großen Verlagshäuser
zu veröffentlichen. Ein Stück weit ist ihm das bereits gelungen.
Einige seiner satirischen Grabinschriften landeten bereits in einem Band
mit Peter Ustinov, George-Bernhard Shaw und William Shakespeare. |